Fleisch essen – gedankenloser Konsum oder bewusste Entscheidung?



Die Massentierhaltung und die Massentötung von Tieren für den Fleischkonsum sind historisch gesehen eine neue Entwicklung. Der Umgang von Menschen mit dem Rest des Lebendigen hat sich in der jüngsten Geschichte verändert. Fleischverzehr hat seine Wurzel dabei tief in der Geschichte. Zu einer Zeit, in der Menschen ihrer Umwelt noch schutzlos ausgeliefert waren, half der Verzehr von Tieren dem bloßen Überleben. Auf dem Weg von damals zur Gegenwart wurde dann Fleisch zu etwas Besonderem. Wild und Schlachtvieh gab es für die Tische des Adels, der Reichen und des Klerus. Einfache Menschen im Mittelalter lebten bevorzugt von Brot, Kraut, Rüben und Bohnen.



Bis zum Beginn der Neuzeit änderte sich hieran wenig. Erst mit dem 19. Jahrhunderts bekam auch die Produktion von Fleisch eine industrielle Dimension. Das Töten von Tieren für Ernährungszwecke wurde schnell der zahlenmäßig schwerwiegendste Übergriff auf das Leben von Tieren. Doch erst mit dem Wirtschaftswunder der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts brachen alle Dämme. Täglich standen nun Wurst und Fleisch auf dem Speiseplan. Milliarden Tiere müssen aktuell in Europa in jedem Jahr ihr Leben geben, damit Konsumenten sich über Schinkenwurst, Schnitzel und Beefburger erfreuen können.



Warum findet dieser überbordende Verbrauch von Fleisch und damit von Tierleben statt?

Niemand kann mehr ernsthaft in Frage stellen, dass fleischlose Kost zumindest gleichwertig und gleich gesund ist, wie fleischhaltige Ernährung. Vegetarier sind dennoch in der deutlichen Minderheit gegenüber Fleischessern. Warum entscheiden sich noch immer mehr Menschen für eine Lebensweise, die das Leiden und den Tod von Tieren zwingend erfordert?



Auf jeden Fall ist die bewusste Verbindung vom fertigen Produkt in der Auslage des Supermarkts zum Körper des dafür getöteten Tieres schwieriger geworden. Industrie und Handel tun alles dafür, den Zusammenhang zwischen der fertigen Wurst und dem Schwein zu verbergen. Petersilie als Deko, Speziallampen zur Beleuchtung und adrette Schürzen beim Bedienungspersonal tun ihre Wirkung. Den Metzger mit der blutverschmierten Gummischürze sucht man im Supermarkt vergeblich.



Der Wunsch nach „Fleischgenuss“ wird vielleicht auch eine gewisse Rolle spielen. Kaum eine Koch-Show im Fernsehen kommt mehr ohne ein Rinder- oder Schweinefilet aus. Am Ende der Sendung bestätigen sich dann Sternekoch und Moderator gegenseitig, wie wesentlich der Genuss eines Steaks für ihr Lebensgefühl ist. So und ähnlich bekommen wir mehrfach täglich gesagt, dass Fleisch (also auch das Töten von in der Regel jungen Tieren) zur gelungenen Gestaltung unseres Lebens notwendig ist. Wer mag da noch dagegen halten?



Schutz durch Selbstbetrug – das Märchen vom tier- und artgerechten Schlachten

Wer dennoch nicht ganz an der Realität in Ställen und Schlachthöfen vorbei schauen kann, mag sich für die ethische Rettung seines Schnitzels auf die Möglichkeit von tiergerechter Haltung und leidfreier Schlachtung berufen.



Leidfreie Methoden für die Aufzucht und die Tötung von Milliarden Tieren pro Jahr in Europa werden ganz bestimmt nicht realisierbar sein. So bleibt als individuelle Nische für wenige, sich auf Kleinbetriebe zu beziehen, die „artgerecht“ produzieren und dabei diverse Bionormen erfüllen. Was bedeutet hier aber artgerecht? Ist es artgerecht für ein Schwein nach längstens zwei Jahren aus dieser Welt zu gehen (natürlich werden Schweine ca. 20 Jahre alt)? Auch ein psychologischer Aspekt macht es unmöglich, den Bedürfnissen von Tieren – wenn auch nur bis zum gewaltsamen Tod – gerecht zu werden. Welches Personal kann die Diskrepanz zwischen liebevoller Pflege und dem Zweck der Pflege (Tötung zum Verzehr) auf Dauer aushalten?



Und am Ende steht in jedem Fall der gewaltsame Tod. Lange bevor die biologische Uhr der Tiere abgelaufen ist, lange bevor sie überhaupt den Höhepunkt ihres Lebens erreicht haben, wartet der Verzehr. Ob Industriebetrieb oder Aufzucht im kleinsten wirtschaftlichen Rahmen: Der Tod beendet in jedem einzelnen Fall zu früh und gewaltsam ein Tierleben.



Es ist die Entfremdung des Produktes Fleisch von seinem lebendigen Ursprung

Warum gehen Hunde über die Regenbogenbrücke und Schweine ganz banal ins Schlachthaus?

Meine Meinung: Fleischverzehr erfolgt aus Gewohnheit, oft aus Gedankenlosigkeit, auch aufgrund von Wegschauen, durch ein „ich will es gar nicht so genau wissen“. Die Entfremdung des Produktes „Fleisch“ von seinem Ursprung, dem lebendigen Tier, ist in den Industrienationen weiter fortgeschritten, als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Das elementarste Interesse von Tieren (Leben) wird in der Folge für banale Interessen von Menschen (Genuss) missachtet.




Henrik Laasch