Kann Tierschutz erfolgreicher werden?

Vom reaktiven zum proaktiven Handeln für Tiere.


Ich bedanke mich zu Beginn dieses kleinen Beitrags beim Vorstand unseres Vereines für die Einrichtung einer neuen Rubrik „Tierschutz“ auf der Homepage des Vereins. Hierdurch wurde eine neue Plattform für Nachrichten, Nachdenkliches und Informatives aus dem Bereich des Tierschutzes geschaffen. Der Verein hat damit eine neue Stimme gewonnen, die auch über den Oberbergischen Kreis hinaus gehört werden kann. Hoffentlich füllt sich diese Rubrik schon bald mit vielen bunten Themen.

Der Grundgedanke des Tierschutzes ist, allen Tieren einen Anspruch auf ein artgerechtes Leben zu geben. Im Idealfall soll dieses Leben frei von artfremden Haltungsbedingungen und Quälereien im weitesten Sinne sein. Und es gibt wahrlich viel zu tun für Tierschützer. Angefangen beim Fehlverhalten von Einzelpersonen gegen einzelne Tiere (z. B. Aussetzen des alt gewordenen Hundes an der Autobahnraststätte) bis hin zur wirtschaftlich motivierten Ausrottung ganzer Tierarten (z. B. beim Walfang) reicht das Spektrum der Aufgaben von lokal bis global.

Es gibt viele Tierschützer. Nach Angaben der Online-Bibliothek „Wikipedia“ haben Tierschutzvereine in Deutschland mehr als 800.000 Mitglieder. Zählt man dazu noch die Menschen, die zwar nicht in einem Verein organisiert sind, sich aber dennoch für den Tierschutz engagieren, sind wohl weit über eine Million Menschen in Deutschland motiviert für den Tierschutz. Bei all dem Elend von Tieren, das uns täglich über die verschiedensten Medien erreicht, stellt sich die Frage: Warum können diese vielen Menschen dieses Elend nicht wirksamer eindämmen? Warum nimmt die Zahl der Hiobsbotschaften auch in Europa scheinbar weiter zu? Auch Deutschland ist keine Oase des Friedens für Tiere. Man denke hier nur an die Fabriken zur Schweinefleischerzeugung, in denen die Tiere bis zum Tag ihres Todes niemals das Sonnenlicht sehen und auf dem kurzen Weg dorthin bis zu den Knöcheln in ihrem eigenen Kot stehend dahin vegetieren.

Warum schaffen es also eine Million Menschen nicht, ein S T O P - Signal zu setzen. Zu sagen: Bis hier, bis heute und nicht weiter. Alle diejenigen aufzuhalten, die gedankenlos, boshaft, oder profitorientiert Tiere wie Abfall oder Produktionsfaktoren behandeln.

Kann es an den Methoden des Tierschutzes liegen? Für die meisten Aktiven des Tierschutzes ist die zentrale Aufgabe ein Engagement für vertraute Tierarten, in den meisten Fällen Haustiere (Hunde, Katzen usw.). Mit dieser Feststellung ist keine Kritik verbunden. Tierschützer leisten hier eine große Arbeit und ihr Einsatz kommt immer dem einzelnen Tier zu Gute.

Kann dieser Weg aber zu einem Ziel führen? Zu einem nicht allzu fernen Tag, an dem das Tierleid abgenommen hat? An dem weniger Hunde in Europas Tötungsstationen sitzen?

Es tut mir leid hier aktuell pessimistisch sein zu müssen. Die heutige Arbeitsweise des Tierschutzes ist zu fast 100 % nachsorgend, d. h. , es wird bereits entstandenes Elend von Tieren gelindert. Die Neuentstehung von Leid und Elend wird dadurch nicht begrenzt oder verhindert. Die Zahl der Hunde, die in Europas Tierheimen auf ein Recht auf Leben hoffen, wächst ständig. Im Tierheim Smeura in Rumänien warten tausende Hunde auf Rettung. Was tun wir, wenn es zehntausend geworden sind?

Was können eine Million Tierschützer tun, um ihrem Willen Nachdruck zu verleihen, um stärker proaktiv, - nicht nur nachsorgend tätig zu werden? In den vergangenen Tagen habe ich eine Reihe von e-Mail Nachrichten erhalten, in denen rasche Hilfe für Tiere in höchster Not erbeten wurde. Jede einzelne Nachricht machte betroffen, hilflos und wütend. Aber, - darin darf sich unsere Reaktion nicht erschöpfen. Es genügt nicht, sich zu empören und unsere Möglichkeiten zu helfen sind vermutlich bald erschöpft. Erforderlich scheint ein Sinneswandel in der Bevölkerung, in der Wirtschaft und in der Politik zu sein. Erfahrungsgemäß ist es weniger effektiv sich an Einzelne zu wenden. Das Angriffsziel für die Meinungs-bildung sind die Multiplikatoren und die wirtschaftlich Betroffenen.

Tierschützer haben die Wahl. Ein Arsenal von wirksamen Strategien steht zur Verfügung, wird aber nur in Ansätzen genutzt.

- Wir könnten damit beginnen, Wirtschaftsunternehmen aus einem Land, in dem Tierquälereien an der Tagesordnung sind, systematisch oder exemplarisch vom Wareneinkauf auszuschließen und dafür auch mit guter Begründung zu werben. Das Bundesverfassungsgericht hat schon frühzeitig klargestellt, dass der Aufruf zu einem Boykott eine zulässige Ausübung der Meinungsfreiheit ist. Jeder Warenboykott ist ein scharfes Schwert.

- Wir könnten Politiker zu öffentlichen Stellungnahmen und Festlegungen drängen. Mit welchen Maßnahmen wirst du, Politiker, nach der nächsten Wahl etwas gegen die Schweinemastfabrik X tun oder dich für Streunerkatzen einsetzen? Diese Aussagen werden veröffentlicht und ihre Erfüllung nach gehalten. Wer anders handelt wird dafür als wortbrüchig angeprangert.

- Wir können alle verfügbaren Medien systematisch mit objektiven Hintergrundinformationen zu Tierschutzthemen versorgen und zum kompetenten Gesprächspartner werden. Experten sind gefragt und werden gefragt. Hierfür könnte eine Expertendatenbank für verschiedenste Themen beste Dienste leisten, die z.B. auf Vereinsebene oder überregional erstellt werden kann. In anderen Bereichen sind solche Datenbanken schon lange gute Praxis.

Es gibt viele gute Ideen. Auch solche, die noch gar nicht gedacht wurden. Jeder ist aufgefordert, hier mitzuwirken. Jeder kann helfen. Jeder wird gebraucht.

Mein größter Wunsch für heute ist, einen Nachdenkprozess einzuleiten. Wir müssen die klassischen Schemata und Methoden des Tierschutzes aktualisieren und den Anforderungen einer sich immer schneller verändernden gesellschaftlichen Praxis anpassen. Ohne die bisherige Arbeit für das einzelne Tier dabei zu vergessen. Wir müssen den Weg vom reaktiven zum proaktiven Tierschutz finden und uns im Interesse von unzähligen Tieren auch so schnell als möglich auf diesen Weg machen.

In diesem Sinne, viel Erfolg bei allen aktuellen und zukünftigen Aufgaben im Tierschutz,


Dr. Henrik Laasch

 

 



Home